Am Freitag begann das Angehörigen-Seminar zum Thema Keiner sucht allein
mit einer Eröffnungsrunde, die von Anfang an sehr emotional war. Zwölf Frauen und ein Mann kamen zusammen. Unsere Referentin Petra Dummermuth-Kress begrüßte uns herzlich. Sie hatte den Boden liebevoll dekoriert. Die schöne Gestaltung bot einen passenden Rahmen für das Thema Suchen und Finden
. Mit Bildern, Fotos und Motivkarten wurden die Teilnehmenden eingeladen, jeweils ein Motiv auszuwählen, das sie persönlich ansprach.

Auf die Fragen Was suche ich?
und Was hoffe ich zu finden?
war die Resonanz mehr als groß. Genannt wurden Freiheit, Harmonie, Ruhe und Frieden, aber auch der Wunsch, die richtige Entscheidung zu finden, aus der Achterbahn der Gefühle in ruhigere Bahnen zu gelangen und Wege aus scheinbar ausweglosen Situationen zu entdecken.
Eine Seite am Flipchart reichte fast nicht aus.

Bei der sich anschließenden Diskussionsrunde ging so mancher Wortbeitrag schon sehr ins Detail. Petra griff die angesprochenen Themen einfühlsam auf.
Viele Gedanken kreisten um Hilfe und Orientierung: einen Weg zu finden, sich selbst zu helfen, einem Angehörigen beizustehen und wieder Zugang zu suchtkranken Angehörigen zu bekommen. Zugleich wurden Loslassen, Freiheit, Neuanfang, Glück, Leichtigkeit, Antrieb, Abenteuer und das Verlieren der Ohnmacht als wichtige Sehnsüchte benannt.
Aus den einzelnen Beiträgen entstand ein gemeinsamer roter Faden mit dem Wunsch, sich selbst wieder zu spüren, Gefühle mitzuteilen, den eigenen Weg zu gehen und aus Steinen, die im Weg liegen, Schritt für Schritt eine Spur zu legen. Das Leben wurde mit Puzzleteilen verglichen, die geordnet werden wollen, damit Harmonie entsteht und Entscheidungen leichter getroffen werden können.
Petra nannte den roten Faden
Selbstmitgefühl und erklärte uns dazu folgendes:

Das Selbstmitgefühl wird als Zusammenspiel von Achtsamkeit, Freundlichkeit und Verbundenheit verstanden. Zur Achtsamkeit gehört Stress und Belastung wahrzunehmen und anzuerkennen: Das ist gerade schwer.
Ebenso wichtig ist es, sich selbst so anzunehmen, wie man ist, loslassen zu dürfen und Kraft, Genuss, Stolz, Mut und Vertrauen wiederzuentdecken.
Freundlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, wohlwollend auf sich selbst zu schauen und die eigenen Gefühle gelten zu lassen. Sätze wie Ich bin in Ordnung, wie ich bin
machen deutlich, dass Selbstfreundlichkeit, Zuhören können und ausdauernder Optimismus tragende Elemente auf diesem Weg sind.
Zur Verbundenheit gehört die Erfahrung, dass andere Menschen ähnliche Gefühle kennen. In der Selbsthilfegruppe wie auch hier beim Seminar wird spürbar, dass geteilte Erfahrungen uns tragen können. Wertschätzender Umgang, Zuverlässigkeit, offener Austausch, Treue, Mitgefühl und Zugehörigkeit stärken das Gefühl: Schön, dass es dich gibt.
Der Samstag begann mit einer Reflexion über den Vorabend. Viele Gedanken waren noch präsent. Der Abend war intensiv, interessant und emotional nachwirkend.
Unter dem Motto des Perlentauchens
ging es dann darum, nach Schönheiten, Fundstücken und wertvollen Erfahrungen zu suchen.
Wir durften unseren bisherigen Lebensweg nach Dekaden mit Stichworten beschreiben, getrennt nach positiven und negativen Erfahrungen. In Einzelarbeit sammelte jede und jeder von uns die eigenen persönlichen Erfahrungen. In der Runde wurde alles zusammengetragen. Und wieder reichte eine Seite am Flipchart nicht aus, wir hätten noch viele Seiten füllen können mit unseren Schätzen an Erfahrungen.

Für die Zeit von der Geburt bis zum zehnten Lebensjahr standen auf der positiven Seite Oma, Opa, Tanten, Liebe und Fürsorge, Familienzusammenhalt, Freunde, Spielen, Gesehenwerden, Anerkennung, Sicherheit, Urvertrauen und Halt. Auf der negativen Seite wurde genannt, dass Familie fehlte oder dass die Familie keine positiven Werte verkörperte.
Zwischen zehn und zwanzig Jahren wurden als stärkende Erfahrungen Geborgenheit unter Gleichgesinnten, etwa bei Pfadfindern, in der Jungschar oder im Internat, das Finden der eigenen Identität, das Setzen von Grenzen, Unabhängigkeit und Freiheit genannt. Als belastende oder gar traumatische Erfahrung wurden dagegen Prügel, Isolation, Tod eines geliebten Menschen, Schmerz und Ablehnung genannt.
In der Lebensphase von zwanzig bis dreißig Jahren traten Beruf, Selbstständigkeit, Mut, Vernunft, Freunde, Partnerschaft, Liebe, Ehe und Mutterschaft sowie das Gefühl, den eigenen Platz gefunden zu haben, als positive Erfahrungen hervor. Auch Urvertrauen, Therapie, Hoffnung, neue Wege und neue Arbeit wurden genannt. Auf der belastenden Seite standen Konsum, Scham, Trennung, Alleinsein bis hin zu der Frage nach der eigenen Daseinsberechtigung. Für die Zeit zwischen vierzig und fünfzig Jahren wurde die Selbsthilfe als wichtiger Ort von Halt und Unterstützung beschrieben. Positive Entwicklung, Freunde, ein trockener Ehemann, Unabhängigkeit und Freiheit standen auf der stärkenden Seite. Zugleich wurden Ängste, die Suche nach Liebe und Gesehenwerden sowie Depression als belastende Erfahrungen benannt.
Zwischen fünfzig und sechzig Jahren wurden Enkel, das Alleinsein, Loslassen, das Erkennen des eigenen Selbstwerts sowie ein neuer Horizont als bedeutsam erlebt. Befreiung wurde unter anderem durch Therapie, Sport, Nein-Sagen und Natur erlebt. Belastend waren Selbstvorwürfe, die später in der Auswertung besonders ins Gewicht fielen.
In der Dekade von sechzig bis siebzig Jahren wurden Selbsthilfe, Seminare, Spiritualität, Genuss, Zufriedenheit, Ehrenamt, Therapie, Freunde und Anerkennung als positive Ressourcen gesammelt. Auf der negativen Seite stand vor allem die Sorge um suchtkranke Angehörige.
Besonders eindrücklich war der Beitrag der ältesten Teilnehmerin, die aus der Perspektive ihres achten Lebensjahrzehnts davon sprach, hinter sich selbst zu stehen, keine Verantwortung für andere zu übernehmen und sich selbst anzuerkennen. Ganz nach dem Vorbild von Pippi Langstrumpf, die macht, was ihr gefällt
.
In der Einzelarbeit und in der Runde kamen sehr persönliche Themen zu Tage. Es flossen Tränen, und es kamen Erfahrungen von Missbrauch, Armut, Verlust eines geliebten Menschen durch Unfall oder Tod und andere schweren Lebenssituationen zur Sprache.
In der Gesamtschau fiel auf, dass auf der Negativ-Seite die Selbstvorwürfe mit sechs roten Punkten besonders schwer wogen, während die grünen Punkte auf der Positiv-Seite gleichmäßiger verteilt waren. Damit wurde sichtbar, wie belastende Erfahrungen und stärkende Ressourcen nebeneinanderstehen und wie wichtig es ist, auch die befreienden und tragenden Aspekte wahrzunehmen.
Nach der Mittagspause mit dem guten Essen aus der Küche des Seminarhauses und einer kurzen Ruhepause ging es weiter.
Eine Teilnehmerin nahm sehr gerne Petras Angebot an und stellte ihr aktuelles Problem im Rahmen einer Familienaufstellung dar. Zunächst wurden Figuren eingesetzt, später nahmen Menschen die jeweiligen Positionen ein. Die Teilnehmenden beschrieben, welche Gefühle in der gestellten Situation entstanden. Während sich die Positionen zueinander veränderten, veränderten sich auch die Gefühle: Manche rückten näher zusammen, andere brauchten mehr Abstand. Gerade dieser Abstand konnte befreiend wirken, wenn sich eine Person eingeengt fühlte.
Von außen betrachtet konnten die Teilnehmenden gemeinsam nach Hypothesen suchen, Hinweise geben und ihre Wahrnehmungen teilen. Die Aufstellung regte dazu an, eigene Situationen einzubringen und neue Sichtweisen zu entwickeln.
Im Anschluss ging es um Kopfkino und Gedankenkarussell: Wie lässt sich dieses innere Kreisen unterbrechen, und welche Möglichkeiten haben die Teilnehmenden bereits für sich gefunden? Genannt wurden Ablenkung, das bewusste Aufsuchen eines sicheren inneren Ortes, Bewegung in der Natur, Atemübungen, ein klares inneres Stopp
, Lesen, Musik, Summen oder Singen sowie Podcasts. Über allem stand der Impuls Loslassen!
.
Der Sonntag im Seminarraum begann zunächst mit der Morgengymnastik. Petra führte uns danach in die Neurologie ein, indem sie uns erklärte, welche Wirkung Bewegung auf das Gehirn haben kann: Verlangsamte Bewegung kann auch die Hirnaktivität verlangsamen und damit hilfreich gegen Kopfkino sein. Übungen wie das Sich-selbst-Umarmen erinnerten daran: Ich schaue auf mich
. Selbstmitgefühl wurde so noch einmal körperlich erfahrbar. Äußeres Gleichgewicht kann das innere Gleichgewicht unterstützend beeinflussen. In diesem Zusammenhang empfahl sie uns ein Buch von Dr.med. Claudia Croos-Müller. Darin werden Übungen vorgestellt, die die Auswirkungen körperlicher Bewegung auf das Gehirn erfahrbar machen.
Im weiteren Verlauf stand die Reflexion über das bisher Erlebte im Mittelpunkt.
Der Samstag wurde als hoch interessanter, intensiver und zugleich kurzweiliger Tag wahrgenommen. In der Rückschau richtete sich der Blick erneut auf die eigenen Lebenswege.
In einer Einzelübung schrieben die Teilnehmenden einen Brief aus der Sicht ihrer besten Freundin an sich selbst. Diese Übung eröffnete einen freundlichen, wertschätzenden Blick auf die eigene Person. Zum Abschluss blieb der Eindruck eines Wochenendes, das von Offenheit, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung getragen war. Die Teilnehmenden hatten sich auf persönliche Themen eingelassen, Erfahrungen geteilt und neue Perspektiven gewonnen. So wurde spürbar, was der Titel des Seminars bereits ausdrückt: Niemand muss allein suchen. In der Gemeinschaft können Wege sichtbar werden, die zuvor verborgen schienen.

Ein herzliches Dankeschön für dieses hoch interessante und anregende Seminarwochenende geht an unsere Referentin Petra Dummermuth-Kress sowie an jeden einzelnen Teilnehmenden.


